Nur für mich…August #5

Nur für mich…
August 2018 #5

Tanzen ohne Grund, ohne Ziel, nur für sich selbst, so, wie es sich gerade richtig anfühlt. Richtig nur für einen selbst- unwichtig ob es zu den Bewegungen der anderen im Raum passt, unwichtig sind die Rhythmen der anderen, obwohl „die anderen“ für die Energie im Raum so wichtig sind- ob schnell oder langsam, harmonisch und gleitend oder abrupt und abgehackt- die Kombinationen und das Zusammenspiel der Unterschiede trägt meine eigenen Bewegungen… fängst sie auf wenn ich falle, holt mich zurück wenn ich abhebe- wenn ich will.

Ohne Ziel, ohne Grund… stimmt das?

Dieser Abend ist nur für mich, nur für dich, gemacht nur für jeden einzelnen Teilnehmer der heute da ist. 
Unabhängig gemeinsam, gemeinsam alleine.
Ist dieses „nur für mich“ nicht Grund genug zu Tanzen?
Nein, sagt der Kopf. Nur für mich reicht zum Glücklich, zum Tanzen nicht aus. Nur für mich zahlt es sich nicht aus, gibt es keinen Anlass zu tanzen, zu springen… oder doch?
Neun Menschen sind mit mir noch im Raum, die glauben, wissen, hoffen, dass es doch genug ist. Nur für sich, nur für mich. 
Eine Stunde fordere ich mir alles ab: zunächst Hemmungstechnisch- bloß nicht zu auffällig, zu sehr aus dem Rahmen bewegen, nicht zu viel mit den Händen, nicht zu auffällig mit dem Kopf irgendwelche Bewegungen vollführen. Durch die halb geschlossenen Augen linsen, spionieren was die anderen tun, orientieren, observieren- anpassen.

„Heute Abend bist du mutig genug für dich, mutig genug hier zu bleiben ohne zu wissen was noch kommt- nur für dich!“ hören wir über die Musik hinweg intonieren. 
Keine Angst vor mir selbst, vor dem was ich finden werden, vor dem was ich nicht finden kann… vor dem, was vielleicht aus mir hervorbricht…
Und während sie tanzen, stehe ich- habe die Augen offen, habe sie zu, stehe ganz still, weil mir nicht zum Tanzen ist, weil ich nicht weiß wie, warum- weil ich mich nicht spüre. 
Und das ist gut so. Weil ich mich nicht spüre merke ich, dass ich mich spüre- nämlich weil ich mich nicht spüre!
Wei ich zugedeckt bin von Mustern und Schemen, Regeln und Normen, angelerntem Verhalten. Unter all dem finde ich mich nicht, kann mich nicht hören, erreicht die Musik mich nicht. 
Darum stehe ich still. Und das ist gut so. 
Weil es um meinen Rhythmus geht- den ich noch nicht kenne, nicht höre, begraben, vergraben, untergegangen im Drang, Zwang mich anzupassen. 

Wie soll ich mich bewegen? Tanzen?
Nein! Wie will ich mich bewegen? Wie bewege ich mich? Wie bewegt sich mein ich? Wer bin ich?
Und plötzlich wache ich auf, rasenden Herzens, verschwitzt und atemlos… zwischen all dem Denken und dem Sorgen über Angepasstheit und Angemessenheit, nach dem Wie und Wieviel hat ein Etwas in mir, mein ich ?, getanzt, sich bewegt, ist gesprungen und gelaufen, gewippt und geschunkelt.
Und ich hab’s noch nicht einmal bemerkt, nicht wirklich. 
Bloß als es vorbei war, dieser erste Teil der AoM, habe ich bemerkt, dass ich vergessen habe zu bemerken.  Nicht bewusst hier war während ich mich bewegte. 
Ich kann nicht sagen wie es war, weil ich vergessen habe darauf zu achten- nur dass es vorbei ist bemerke ich, schade dass es vorbei ist, weil ich zwar dabei war, aber nicht da war um es zu fühlen. 

In den zwölf darauf folgenden Stationen, habe ich, gleich nach dem Kichern und dem ein wenig albern vorkommen, zu sehr bemerkt, dass ich „da“ bin- habe die Leere gespürt in mir; weil ich keinen Satz zum Schreien hatte, kein Wort dass hinaus hätte müssen, wollen, sollen. 
Das Lachen, das Schreien, das Irresein- kein Antrieb durch die Leere. Ich habe versucht die Leere zu beschreien, über ihre Traurigkeit zu lachen; ich konnte sie mit Leichtigkeit beweinen, fand aber keinen Ausdruck für sie im Irresein.

Noch heute habe ich eine heisere Stimme, weil ich sie angebrüllt habe- aus dem Kehlkopf, nicht aus dem Bauch heraus… weil da nichts zu finden war, nichts zu finden ist; habe bitterlich und leise ihr Dasein beweint, was einfach war, weil ich sie nicht will, nicht wollte- sie nicht ändern kann.
Im Irresein oder in weltlichen Sammeleinrichtungen für „Irre“ wäre ich die, die in der Ecke sitzt, auf und ab oder vor und zurück schaukelt und Löcher in die Wände und die Luft starrt- weil sie nicht auszudrücken ist, die Leere und die Verzweiflung über sie. Weil sie keinen Ausdruck zulässt, meine Leere, eben weil ich leer bin.

Und so wie meine Stimme die Spuren der Leere die ich gebrüllt habe, ihre Nachwehen, tragen muss und mir zeigt wie weit sie sich auszubreiten vermag, wie weit sie Einfluss in mein Leben hat, wie weitreichend sie bestimmt, muss ich ertragen, dass ich leer bin, nicht zu füllen vermag was als Loch hinein gerissen wurde in den Seiten meines Lebens… 

Ob das Licht ist? Ob das so sein muss, ob das Heilung ist? Zu erkennen, wenn auch eher auf ungewöhnlichem Wege, wie weit mein Dasein bereits geprägt ist, den Schatten zu erkennen der geworfen wird, all die Bereiche zu spüren die er bereits verdunkelt? 

Ich habe erkannt, dass ich gerufen werden möchte, ich werde lernen zu rufen, und ich versuche die Schatten zu sehen- damit ich die Lichtquellen ausmachen kann, damit ich lerne zu wissen wo sie sind, wenn ich schon nicht an sie heran komme…
noch nicht.

Nur für mich…

Gum biodh ràth le do thurus!                                                                           Realef

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